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Kruzifix im Greifswalder Dom von Prof. Hans Kock

Die Kirche und die Religionen

 

Seit seinen Anfängen war das Christentum mit anderen Religionen konfrontiert. Neben dem Judentum gab es in der Antike eine große Zahl an Kulten, mit denen sich die frühe Kirche auseinandersetzen musste. Das Neue Testament belegt, wie sich der christliche Glaube in Aufnahme und Ablehnung anderer religiöser Vorstellungen entwickelte.

Während der Christenverfolgungen und später mit dem Wandel zur Großkirche bildete sich der alleinige Heilsanspruch der Kirche heraus: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil!“ Von diesem Dogma, das ursprünglich abgefallenen Kirchengliedern und nicht anderen Religionen galt, zieht sich eine Blutspur durch die Kirchengeschichte. Die Kreuzzüge und Judenpogrome des Mittelalters wurden mit diesem Anspruch begründet.

 

Die Aufklärung setzte das Thema wieder neu auf die Tagesordnung. Lessings Ringparabel stellt die Frage, welche der drei Religionen Judentum, Christentum oder Islam denn nun die wahre sei. Die Religionen werden dabei nicht relativiert, sondern zum munteren Wettstreit zum Wohle der Menschen aufgerufen.

 

Im 20. Jahrhundert gibt es drei Tendenzen, das Verhältnis des Christentums zu den anderen Religionen zu bestimmen:

Der Exklusivismus hält am alleinigen Heils- und Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens fest. Diese Position findet sich in der vorkonziliaren katholischen Theologie, wird aber auch in Karl Barths Kirchlicher Dogmatik vertreten: „Religion ist Unglaube“. Auf dieser Grundlage erscheint der Dialog mit anderen Religionen sinnlos.

Der Inklusivismus versucht die eigene Wahrheit in den anderen Religionen zu entdecken. So kann Karl Rahner Andersgläubige als „anonyme Christen“ ansprechen. Diese Position neigt zur Vereinnahmung des anderen, der doch unabhängig vom Christentum als expliziter Jude oder Muslim verstanden werden will.

Der Pluralismus geht davon aus, dass alle Religionen gleich wahr sind. Alle beziehen sich auf dasselbe göttliche Wesen. Die Religionen erscheinen als verschiedene Wege zum selben Ziel. Diese Position klingt tolerant; ihre Schwäche liegt darin, dass sie die unbedingte existentielle Gebundenheit des Glaubenden an seinen Gott überspringt. Als religionsphilosophische Theorie nimmt der Pluralismus eine Vogelperspektive über den Religionen ein.

 

Die Grundfrage: „Gibt es eine Möglichkeit, andere Religionen anzuerkennen, ohne den christlichen Glauben zu relativieren?“ kann nur mit dem Verweis auf die heilvolle Zuwendung des dreieinigen Gottes zur Welt beantwortet werden. Als Schöpfer ruft er alles Sein ins Leben (1. Mose 1-2), Jesus Christus ist für alle Menschen gestorben (2. Kor 5,15), Gottes Geist weht, wo er will (Joh 3,8). Dem universalen Heilswillen Gottes (1. Tim 2,4) dürfen wir keine Grenzen setzen. Wir können die Wirksamkeit Gottes nicht in die Kirchenmauern einschließen.

 

Wir sollen unseren christlichen Glauben in unserem Leben bezeugen, aber grundsätzlich niemandem absprechen, dass auch er authentische Gotteserfahrungen machen kann. Andererseits muss man immer wieder kritisch rückfragen: An welcher Stelle ist in den Religionen wirklich der Heilswille Gottes am Werk, oder werden in ihnen Menschen geknechtet und unterdrückt oder der Name Gottes pervertiert? Diese kritischen Rückfragen, die sich zu allererst ans Christentum selbst richten, dürfen im Dialog der Religionen nicht unterschlagen werden.

 

Lit.: Wohlleben, Ekkehard: Die Kirchen und die Religionen. Perspektiven einer ökumenischen Religionstheologie, KKR 48, Göttingen 2004

 

Von Dr. Ekkehard Wohlleben

 


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