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Kirche und Schöpfung
 
Im Jahre 1967 verfasste der Historiker Lynn White einen kurzen Essay, in dem er das Christentum für die Entstehung der ökologischen Krise der Gegenwart geistesgeschichtlich verantwortlich machte („The Historical Roots of Our Environmental Crisis“). Der jüdisch-christliche Monotheismus habe, so White, die belebte Natur entheiligt und in der Folge hiervon zu bloßer „Objektivität“ gemacht, die Lehre von der Gottebenbildlichkeit habe den Menschen eine allen Mitgeschöpfen überlegene Sonderstellung zuerkannt, der sog. Herrschafts- und Unterwerfungsauftrag schließlich habe die Natur dem Zugriff des Menschen überantwortet.
 
„Furcht und Schrecken“ müsse die übrige Kreatur vor dem Menschen haben (1. Mose 9,2). Zumindest in wirkungsgeschichtlich orientierter Perspektive lässt sich laut White feststellen, dass das jüdisch-christliche Schöpfungsverständnis den Weg geebnet habe zu der schrankenlosen Ausplünderung und Instrumentalisierung der Natur in der Moderne, deren beängstigende Folgen uns heute allen vor Augen stehen. Whites provokative Thesen haben eine ausgedehnte Kontroverse hervorgerufen, die dazu beigetragen hat, dass nicht nur den beiden Schöpfungsberichten, sondern der gesamten biblischen Naturauffassung ein neu erwachtes Interesse entgegen gebracht wird.
 
Diese Naturauffassung beinhaltet, so kann man die Resultate neuerer Schöpfungstheologien zusammenfassen, in Wirklichkeit keineswegs eine schrankenlose Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur. Vielmehr ist zu beachten, dass der sog. Herrschaftsauftrag in 1. Mose 1,26 ff als ein Segen formuliert wird, dass das gesamte Schöpfungswerk als „gut“ bezeichnet wird, dass nicht der Mensch, sondern der Sabbat Gottes der Höhepunkt der Schöpfung ist und dass der ältere jahwistische Schöpfungsbericht den Menschen als eine Art Pächter begreift, der Gott gegenüber für die Erhaltung des ihm anvertrauten Gartens verantwortlich ist („bebauen und bewahren“). Ebenbildlichkeit bedeutet, dass der Mensch überall dort, wo er auf Erden auftritt, die Wirklichkeit Jahwes bezeugen möge. Auch die Landtiere und Vögel haben den „ruach“, den Odem des Lebens von Gott erhalten. Tieren und Menschen gemeinsam ist das feste Land als Lebensraum zugewiesen.
 
In 1. Mose 1,29 werden den Menschen nur Pflanzen als Nahrung zugewiesen und erst nach der großen Flut wird ihnen tierische Nahrung gestattet (1. Mose 9,3). Selbst der Bund Gottes wird nicht nur mit den Menschen geschlossen, sondern mit allen Lebewesen, die aus Noahs Arche treten (1. Mose 9,9 ff). Im Psalm148 soll die gesamte Natur den Lobpreis Gottes anstimmen. Im Psalter (Psalm 104) und in der Tora finden sich viele Stellen, aus denen hervorgeht, dass die Bibel keine „despotische“ Herrschaft des Menschen über die Natur vertritt. Vielmehr werden Milch und Honig Kanaans den Fleischtöpfen der ägyptischen Sklaverei kontrastiert, das Land wird in die Heiligung des Sabbats eingeschlossen (Sabbat- und Jobeljahr in Mos. 3,25), die Bearbeitung der Natur wird in eine Ökonomie der Fülle, des Segens, des Teilens mit den Witwen und Waisen und des gemeinsamen Feierns eingebettet. Ohne „Gottesfurcht“ kann es im biblischen Denken auf Dauer keine segensreiche Bearbeitung der äußeren Natur geben.
 
Prof. Dr. Konrad Ott, Greifswald